Der Abend hat bereits große Brocken aus dem Tag gebissen, als wir am Freitag gegen 21 Uhr auf dem Lagerplatz eintreffen: Das muss man sich mal vorstellen, sechs Stunden Fahrt für nicht einmal 400 Kilometer – aber mit Anhänger, Kleinbus und acht Personen geht es nun einmal nicht schneller. Dennoch sind wir frohen Mutes, wenigstens zwei Zelte –eine Jurte und eine Kohte- aufbauen zu können.

Und wir haben es geschafft; die Zelte stehen. Wenn auch mit reichlich „Loslos!“,  „Gleich wird’s dunkel!“ und „Warum seid ihr hier?“ – das muss besser werden.

Warum sind wir hier? Weil wir uns auf dem Vorlager des Bundeslagers 2012 der CPD e.V. befinden, um die Zelte für unsere späteren Teilnehmer aufzubauen; wir, die Vorhut, schaffen Raum für die Nachhut. Außerdem wollen wir unserem Nachwuchs zeigen, wie das so funktioniert – Zelte aufbauen, Knoten üben, Bünde lernen, Feuerholz holen, Sitzkreise bauen, kurz: Was tut ein Pfadfinder, wenn er mal nicht lärmend einen Eisladen leerkauft?

Nach der Aufbaustrapaze dann das wohlverdiente Feuer und später der ersehnte Besuch des Schlafsacks, wobei Volker feststellen muss, dass es auch Nacktschnecken  gerne warm haben, wenn sie nächtigen möchten…jedenfalls ist nicht nur das Schlafsackinnere, sondern auch Volker selbst verschneckenschleimt, als er mit einem ekelschreibegleiteten Satz aus dem Schlafsack hüpft – für ihn ist die Nacht zu Ende, während wir vor uns hingniggern und insgeheim doch unsere Schlafstatt absuchen: Denn so eine Nacktschnecke im Schlafsack will ja dann doch niemand haben…

So; die Nacht ist vorbei und wir stehen auf; früh, denn wir haben vieles auf dem Zettel. Für Volker ist die Nacht allerdings nicht vorbei: Der nächtliche Schneckenschreck ist ihm so durch Mark und Bein gefahren, dass an Schlaf zwar zu denken, dieser Gedanke aber nicht mehr durchzuführen war. Dementsprechend gerädert wabert er jetzt auch durch die Jurte.

Nach dem Frühstück dann: Kohte abbauen. Kohte aufbauen. Kothe abbauen. Kohte aufbauen: Wäre doch gelacht, wenn der gestern gar nicht so eifrige Nachwuchs das nicht noch heute draufhaben wird… Nun, zum Lernen von Fertigkeiten gibt es viele Methoden, die sich mal mehr, mal weniger gut eignen: Manch einer versucht es mit Antreiben, Anschreien und Druck machen – doch Lernen durch Angst hat noch nie funktioniert. Andere versuchen es mit Geduld und Verständnis – eine langwierige Geschichte, die Nerven aus Stahl erfordert: Doch ich entscheide mich für die Geduld – und siehe: Alle  können es. Ein Erfolg!

Das muss doch gefeiert werden! Was wir auch tun – mit einem kleinen Bunten Abend samt Grillwurst, Tschai und Gesang: Das ist Pfadfinderei, dafür eiern wir auch eine halbe Ewigkeit durch die Welt. Doch Frischluft, Aufabaufbau und Nacktschneckeneinsammelei fordern ihren Lohn: Gute Nacht!

Morgens um 6 ist die Welt noch in Ordnung: Auch bei uns, wie wir uns überzeugen können. Frühstück, packen, tschüss und fahren – einer bleibt zurück und passt die nächsten Tage auf die Zelte auf, damit sie nicht wegwehen oder eventuell im Regen davonschwimmen.

Doch der Himmel bleibt  bei gefühlten 30 Grad wolkenlos blau. Ich nutze die Zeit, um Feuerholz zu sammeln, einen Sitzkreis zu bauen und dem Pfadfinderleben zu frönen: DAS ist wirklich Freiheit: Nur ich, die Jurte und das Feuer. Ich bin so entspannt, dass mich selbst der Ausbruch der gesamten Vulkaneifel nicht aus der Ruhe gebracht hätte. Daneben darf ich das Entstehen des Lagers verfolgen: Die fantastischen Bauten, die rings um mich entstehen, die vielen Zelte, die plötzlich scheinbar aus dem Boden wachsen, lässt die noch vor wenigen Tagen nahezu leere Wiese zu einer kleinen Stadt anwachsen.

Am Mittwoch dann, nach mehreren Tagen intensiven Pfadierlebens, heißt es dann: Abschied nehmen. Unsere Leute werden bald hier sein, das Bundeslager beginnt. Schön werden sie es haben; sie werden unzählige Geschichten erleben, die sie nie wieder vergessen werden, Abenteuer, die in dem Moment zwar bescheiden sein, doch später immer wieder und jahrelang bei jedem Beisammensein am Feuer erzählt werden.

Die Pfadfinderei ist ein Virus: Einmal angesteckt, ist eine Heilung unmöglich. Ich bin seit mehr als dreißig Jahren „krank“ – und hoffe, es noch ewig zu bleiben…